"Die Mehrheit befolgt die Regeln"

Seit 1. Januar ist Stefan Grieger neuer Hauptgeschäftsführer des Deutschen Verkehrssicherheitrates (DVR). Für die Verkehrssicherheitsarbeit profitiert der Volljurist von beruflichen Erfahrungen als Polizeibeamter. Der ACV hat ihn zum Thema Landstraßensicherheit befragt.

DVR Geschäftsführer Stefan Grieger. (Bild: DVR)

Immer mehr Autos auf den Straßen, die Zahl der Personenkilometer steigt stetig, der Verkehr wird immer dichter. Trotzdem sinkt die Zahl der Verkehrstoten kontinuierlich. Eigentlich doch ein positiver Trend, oder?

Das ist in der Tat ein positiver Trend und darüber freuen wir uns auch gemeinsam mit allen in der Verkehrssicherheitsarbeit Engagierten. Nichtsdestotrotz sterben in Deutschland pro Jahr rund 3.000 Menschen im Straßenverkehr. Häufig nicht erwähnt werden die vielen Personen, die aufgrund von Verkehrsunfällen schwer verletzt werden und die davon auch betroffenen Angehörigen und Freunde. Ein Teil der Schwerverletzten leidet lebenslang unter den Unfallfolgen. Unser Anspruch als DVR, ist es, die Zahl der Getöteten und Schwerverletzten im Straßenverkehr zu senken.

 

Der DVR hat in den Siebzigerjahren einen ganz wesentlichen Beitrag zur Verkehrssicherheit geleistet, etwa durch Kampagnen zum Anschnallgurt. 50 Jahre später sind die Autofahrer sehr viel aufgeklärter, die Autos um ein Vielfaches sicherer. Hat sich der DVR – im positiven Sinne – ein bisschen überflüssig gemacht?

Besonders die technischen Standards haben sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich verbessert. Das ist ein großes Verdienst der Fahrzeugtechnik-Experten in Industrie, Verbänden und Behörden. Auch deshalb sind über 90 Prozent aller Verkehrsunfälle auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen. Früher war der Sicherheitsgurt nicht angelegt, heute lenkt z.B. das Telefonieren mit dem Smartphone die Verkehrsteilnehmenden vom Verkehrsgeschehen ab. der Straßenverkehr birgt weiterhin erhebliche Risiken. Die Zahl der getöteten Zweiradfahrenden - also derer, die nicht durch Karosserie und Assistenzsysteme geschützt sind - stagniert seit Jahren. Die Zahl der Dienst- und Wegeunfälle, die insbesondere bei der Nutzung des Fahrrades passieren, steigt sogar an. Diesem Trend müssen wir gemeinsam mit unseren Mitgliedern, z.B. den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung, deutlich entgegenwirken.

 

In Deutschland sind auf Landstraßen 100 km/h erlaubt. Die meisten schweren Unfälle ereignen sich aber unterhalb 80 km/h. Was schließen Sie daraus?

Erlaubt ist, was bei bestmöglichen Bedingungen und Sichtverhältnissen höchstens zulässig ist. Auch bei Verkehrsunfällen mit weniger als 80 km/h gehört die nicht-angepasste Geschwindigkeit zu den wesentlichen Unfallursachen. Es gibt viele Landstraßen für die die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h zu schnell ist. Dies gilt zum Beispiel für alle schmale Straßen, für kurvige Strecken oder wenn Bäume nah am Fahrbahnrand stehen. Wenn unabhängige Sachverständige Unfallgutachten erstellen, wird in der Regel die sogenannte Kollisionsgeschwindigkeit ermittelt. Diese liegt zwar oft unter 80 km/h, aber es muss davon ausgegangen werden, dass die Annäherungsgeschwindigkeit deutlich höher war.

 

Niedersachsen hat die Section Control, also das Pilotprojekt zur Geschwindigkeitsüberwachung einzelner Streckenabschnitte, positiv abgeschlossen. Brauchen wir diese Form der Verkehrsüberwachung wirklich und wird sie jetzt bundesweit kommen?

Es geht doch darum, auf besonders unfallträchtigen Streckenabschnitten die Zahl der geschwindigkeitsbedingten Verkehrsunfälle deutlich zu reduzieren und damit die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Die Section Control unterscheidet sich von punktuell wirkenden Geschwindigkeitsmessgeräten: Bei diesen wird aufgrund eines Blitzers oft hektisch gebremst und dann wieder stark beschleunigt. Bei der Abschnittskontrolle wird die Geschwindigkeit auf einer bestimmten Strecke gemessen. Dadurch sorgt die Section Control für gleichmäßigere und niedrigere Geschwindigkeiten. Zu den zehn TOP-Forderungen, die die Gremien des DVR in den letzten Jahren entwickelt haben, gehört ganz zentral eine wirksame Verkehrsüberwachung. Die Section Control ist sicherlich ein wichtiger Baustein dafür.

 

Verkehrssicherheitspolitik geht oft mit Vorschriften und Verboten einher. Wie weit muss, wie weit darf eine Institution wie der DVR bei ihren Forderungen gehen, ohne Autofahrer zu bevormunden und die Akzeptanz zu verlieren?

Soweit ich weiß, erlaubt die Straßenverkehrs-Ordnung den Verkehrsteilnehmenden ganz viel. Die Mitglieder des DVR haben sich vor vielen Jahren auf die Strategie der Vision Zero geeinigt. Sie bedeutet, auf verschiedenen Ebenen alles Erdenkliche zu tun, um Getötete und Schwerverletzte im Straßenverkehr zu vermeiden. Voraussetzung hierfür ist die Akzeptanz von Regeln. Die meisten Unfälle geschehen, weil Regeln nicht eingehalten werden oder sich Verkehrsteilnehmende überschätzen. Der Überholvorgang in der Kurve, zu hohe Geschwindigkeiten bei nasser Fahrbahn, das Einstellen des Navi während der Fahrt…. Es sind viele – fast alltägliche Situationen, deren Gefährlichkeit leicht unterschätzt wird. In meiner Zeit als Polizeibeamter in Berlin habe ich erlebt, was Verkehrsunfälle für alle Beteiligten bedeuten. Die Opfer – wenn sie denn überlebt haben – müssen mit den Folgen ein Leben lang zurechtkommen. Und die Unfallverursacher müssen mit der Schuld umgehen. Niemand von den Unfallverursachern, die ich erlebt habe, wollte anderen Menschen schaden oder Familien zerstören. Es muss uns gemeinsam gelingen deutlich zu machen, welche Folgen das Missachten von Verkehrsregeln haben kann. Es muss klar sein, dass es sich nicht um lässliche Kleinigkeiten handelt, sondern um Handlungen, die zum Tod anderer Menschen führen können. Lohnt sich dieses Risiko wirklich für einen minimalen Zeitgewinn oder für das Telefonat?

Und eines ist ganz klar: Der DVR steht an der Seite derer, die die Regeln befolgen – und das ist die Mehrheit. Nur, weil so viele sich an diese halten, konnte es überhaupt dazu kommen, dass die Zahlen der Unfallopfer gesunken sind.