Porsche 911 Carrera S Cabriolet: Das Spaß-Experiment

Mit dem neuen Porsche 911 Carrera S Cabriolet gehen wir der Frage auf den Grund: Wieviel Spaß an Mobilität ist eigentlich noch möglich? Ein Roadtrip von Köln nach Wien.

Das Offensichtliche zuerst: Dieses Auto polarisiert nicht nur. Es provoziert. Und zwar schon auf dem Papier, mit seinen Eckdaten: 450 PS, 3,7 Sekunden bis hundert, 306 km/h Spitze. Grundpreis: 134.405 Euro.

Über den Aufpreis für die üppige Individualausstattung breiten wir den Mantel des Schweigens. Nur so viel: Allein die rennstreckentaugliche Keramik-Verbund-Bremse kostet noch einmal knapp 9.000 Euro extra. Braucht das jemand ernsthaft?

Porsche 911 Carrera: Die Probefahrt

Andererseits: Autos wie dieser Porsche 911 Carrera S werden nun mal in Deutschland gebaut und auf der ganzen Welt verkauft. Und gefahren. Der Elfer ist ewiges Objekt der Begierde, Inbegriff alltagstauglicher Sportlichkeit, technische Referenz für seine Wettbewerber, seit beinahe 60 Jahren. 2017 lief das einmillionste Exemplar in Stuttgart vom Band. Die aktuelle Baureihe 992 verschiebt den Maßstab des Machbaren erneut nach oben. Mehr Power, weniger Verbrauch, noch bessere Fahrleistungen, aber auch mehr Gewicht. Die Optik ist jetzt noch fetter. Das Auto wuchs in Länge und Höhe, die Spur in die Breite, speziell Kotflügel und Räder sind noch größer. Unser Testwagen läuft vorne auf 20-Zoll-Rädern, hinten gar auf 21-Zöllern. Das alles kann man maßlos übertrieben finden oder auch feiern, je nach persönlicher Sichtweise. Auf jeden Fall aber darf man als Autofan immer noch von einem Porsche 911 träumen und die wenigen Menschen beneiden, die sich einen solchen Sportwagen leisten können. Wir dürfen immerhin ausgiebig Probefahren. Unsere Mission: Wir möchten herausfinden, wieviel Spaß Autofahren heute überhaupt noch bereiten kann, wenn Geld keine Rolle spielt. Trotz aller Widersprüchlichkeiten, trotz Staus, Baustellen und Tempolimits. Unsere Route: Wir fahren von Köln nach Wien. Also raus auf die Strecke und los geht’s!

Verstecken? Nicht in racinggelb!

Racinggelb heißt die Lackfarbe. Verstecken geht nicht damit, erst recht nicht, wenn das hydraulisch angetriebene Verdeck offen ist (nach 12 Sekunden, geht sogar per Fernsteuerung). Selbst im Bummeltempo, mit dem Dreiliter-Boxer-Biturbo im Drehzahlkeller, bei geschlossener Auspuffklappe, glotzt dich jeder an. Kinder zeigen mit dem Finger, Teenies fordern dich an der Ampel mit gezückten Handys zum Gasgeben auf. Lächeln hilft, aber nach einer Weile friert das Gesicht zu einem leicht arroganten Pokerface ein, wie man es nie haben wollte.

Video: Porsche 911 Carrera S Cabriolet

Für maximale Sicherheit verfügt das Porsche 911 Cabriolet über ein automatisches Überrollschutzsystem mit verschweißten und hochfesten Alu-Strangpressprofilen. Die aufwändige Technik des Verdecks besteht aus über 400 Einzelteilen. Porsche zeigt in einem Video, wie das funktioniert.

Mit dem Porsche 911 Carrera im Nu auf Tempo 200

Okay, verlassen wir den Boulevard. Dieses Auto braucht Platz. Also rauf auf die erfreulich leere Autobahn und schauen, was geht. Klar, das macht ja wohl jeder Enthusiast, der die Gelegenheit dazu hat. Mit einem schnellen Dreh am Lenkradknopf wählen wir das Sport-Programm. Alles wirkt jetzt spitzer, straffer, gieriger. Vollgas! Was dann passiert ist schwer zu beschreiben. Ansatzlos feuert das 8-Gang Doppelkupplungsgetriebe den niedrigstmöglichen Gang rein. Der Motor kreischt auf, ein Ruck geht durch den Porsche. Urplötzlich schießt der Wagen nach vorne und zoomt den Horizont heran. Die Drehzahlnadel schnalzt bis auf 7.500 Umdrehungen, zuckt nur kurz beim Durchbeschleunigen zurück, ohne spürbare Zugkraftunterbrechung. „Wann kann man denn heute überhaupt noch so schnell fahren“, hallt die gerne gestellte Frage im Ohr, aber wir denken uns leise: „Auf jeden Fall öfter als gedacht!“ Denn der Porsche macht es dir so unglaublich leicht. Im Nu stehen 200 km/h auf dem Tacho, ohne dass sich dieses Tempo besonders spektakulär anfühlen würde. Maximale Wachsamkeit und Rücksichtnahme sind dabei selbstverständlich. Ein Tritt auf besagte Keramik- Bremse, und genauso schnell fängst du den Carrera S auch wieder auf Richtgeschwindigkeit ein. Mit diesem Auto muss niemand drängeln oder hetzen. Im Gegenteil, es macht dich gelassen.

Nach einiger Zeit ertappen wir uns dabei, wie wir auf der rechten Spur im Automatikmodus vor uns hinsegeln und die vorzügliche Audioanlage (Bose Surround System, 1.416 Euro) genießen. So geht das auch im Porsche. Doch machen wir uns nichts vor: Ein Elfer will gefordert werden. Auf einsamen Landstraßen kann der 911 Carrera S seine wahren Talente richtig ausspielen: Ein faszinierend stabiles Fahrwerk für atemberaubende Querbeschleunigung, gepaart mit einer ultrapräzisen Lenkung und einer Bremse, die bei Bedarf gleichermaßen brachial und unnachgiebig zu Werke geht.

Porsche 911 Carrera: Schwächen im Detail

Geht’s noch besser? Ja, auch bei einem so abgehoben teuren Auto. Nicht fahrdynamisch, aber beim Thema Innenraum und Konnektivität. So setzt Porsche voll auf die Integration des Smartphones in Verbindung mit den bordeigenen Apps. Das Handy liegt in einem Fach zwischen den Sitzen wie im Tresor. Dumm nur, dass sich die erwähnte Road Trip-App nicht mit dem Porsche-Navi koppeln lässt und reichlich Strom frisst. Gibt man dem Beifahrer das an die Ladebuchse gekoppelte Handy, quetscht der Deckel des Ablagefachs das Kabel gnadenlos ab. Überhaupt mangelt es an brauchbaren Ablagen im Innenraum. Das nervt gerade auf langen Reisen. Nicht optimal ist auch die Ablesbarkeit des Cockpits. Die Außenbereiche werden je nach Einstellung vom Lenkrad verdeckt. Auch Luxus-Autos sind eben nicht perfekt. Trotzdem: Auch nach knapp 1000 Kilometern und gut zehn Stunden Fahrt wollen wir eigentlich noch nicht wieder aussteigen.

Fazit von Gerrit Reichel

Das Spaß-Experiment: Porsche 911 Carrera

Und ob Autofahren noch Spaß macht! Am meisten natürlich in Autos wie diesem Cabriolet: Der Motor des neuen Porsche 911 Carrera S ist der Hammer. Fahrwerk, Lenkung, Bremse: Wie vom anderen Stern. Schnellfahren war noch nie so einfach. Klar kostet das absurd viel Geld, provoziert Neid und Kritik. Denn unvernünftig ist es schon. Aber wenn die Möglichkeit besteht und es der Verkehr erlaubt, dann winkt ein unvergessliches Erlebnis.

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