Sicher Autofahren im Alter

Routine ist reichlich vorhanden, an den Reaktionen mangelt es bisweilen. Selbstkritische Überprüfungen und Investitionen in Assistenzsysteme sollen Senioren auch weiterhin mobil halten.

Bei den meisten Problemen im Straßenverkehr sind sich alle einig. Raserei ist ebenso verpönt wie Alkohol oder sonstige Drogen – und jugendliche Autofahrer bilden das größte Sicherheitsrisiko. Nur am anderen Ende der Altersskala scheiden sich die Geister. Senioren am Lenkrad gelten für manche Verkehrsteilnehmer als latente Bedrohung, während vor allem die Betroffenen diese Behauptung ins Reich der Fabel verweisen.

Ihre Begründung lautet fast immer gleich: Wer 50 Jahre oder länger Auto fährt, kann langsamere Reaktionen mit größerer Erfahrung kompensieren. Und während die einen Führerscheine auf Zeit und regelmäßige Untersuchungen für ältere Verkehrsteilnehmer fordern, laufen die anderen gegen solche Pläne Sturm. Einig ist man sich bislang nur in der Politik: Offenbar den Zorn der immer zahlreicher werdenden älteren Wähler fürchtend, hat noch keine Partei den Vorschlag der EU aufgegriffen, Führerscheine für ältere Autofahrer nur noch befristet auszustellen.

Steigende Unfallzahlen

Unstrittig aber ist, dass die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland die Diskussion noch verschärfen wird. Nach einer Vorausberechnung des Statistischen Bundesamts wird sich der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von derzeit 20 auf 34 Prozent im Jahr 2060 erhöhen. Ebenso eindeutig ist, dass Senioren häufiger Unfälle verursachen als Pkw-Fahrer mittleren Alters. Prof. Dr. Klaus O. Rompe, ehemaliger Präsident der Gesellschaft für Ursachenforschung bei Verkehrsunfällen (GUVU): „Mit zunehmendem Alter nimmt der Anteil der Senioren als Hauptverursacher bei Pkw-Unfällen mit Personenschaden wieder zu.“ Auch an dieser Aussage lässt die Statistik keinen Zweifel: Während die Unfallverursacher-Rate pro 1 Million Kilometer bei Personen zwischen 35 und 64 Jahren bei 0,45 liegt, steigt sie bei Menschen zwischen 65 und 74 Jahren auf 0,68 an und erreicht bei Fahrern jenseits der 75 sogar einen Wert von 0,86.

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Beim peripheren Sehen wird es kritisch

Höchst aufschlussreich dabei sind die „Schwerpunkte im Fehlverhalten“ der Senioren, die die Bundesstatistiker ermittelten: So schneiden ältere Fahrer bei Delikten wie unangepasster Geschwindigkeit oder zu geringem Abstand deutlich besser ab als die Altersgruppe der 18– bis 64-Jährigen, während sie überdurchschnittlich viele Unfälle im Zusammenhang mit Fußgängern, Vorfahrtsverletzungen oder Abbiegefehlern verursachen. Und dafür gibt es gute Gründe. Rompe: „Senioren können Bewegungen schlechter wahrnehmen, haben ein begrenztes peripheres Sichtfeld und Probleme bei der Selektion relevanter Objekte.“ Anlässlich des letzten Symposium des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) forderte Rompe daher nicht nur „Anreize für selbstkritische Überprüfungen“, sondern auch eine intelligente Fahrzeugtechnik zur Minderung der Risiken für und durch Senioren.

Assistenzsysteme können Schwächen ausgleichen

Dazu zählen nicht nur „denkende“ Gurtkraftbegrenzer, die die Gurtbelastung abhängig von Größe und Gewicht der Insassen abstufen, sondern auch adaptive Airbags, mit denen sich die Belastung des bei Senioren besonders empfindlichen Brustkorbs reduzieren lässt. Schließlich steigt der prozentuale Anteil von tödlich verunglückten Pkw-Fahrern mit zunehmendem Alter dramatisch an: Während er bei 18-bis 65-Jährigen bei einem Prozent liegt, steigt er bei 75-jährigen Unfallbeteiligten auf über drei Prozent. Hinzu kommen weitere Kriterien, die Senioren beim Kauf eines neuen Fahrzeugs berücksichtigen sollten. So begünstigen eine höhere Sitzposition und große Fensterflächen die Rundumsicht, während moderne Assistenzsysteme schon heute zahlreiche kritische Verkehrssituationen wirkungsvoll entschärfen können: Totwinkel-Assistenten, Spurverlassens-Warner, Nachtsichtgeräte und automatische Notbremssysteme sind zwar kostspielig, können sich aber unter Umständen durchaus als lebensrettend erweisen. Zum Kennenlernen neuer Sicherheitstechniken oder beim Umstieg auf Fahrzeuge mit moderner Technik ist zudem in vielen Fällen ein Fahrsicherheitstraining sinnvoll.

Tipp

„Mobil bleiben, aber sicher“ heißt die Devise

Die Deutsche Verkehrswacht startete 2015 ihre Aktion „Mobil bleiben, aber sicher“. Dazu bieten beispielsweise die Verkehrswacht auf speziellen Sicherheitstagen und der TÜV NORD mit seinem Mobilitätscheck Senioren die Gelegenheit, das eigene Leistungsvermögen unverbindlich zu testen. Bei Seh- und Reaktionstests können die Besucher ihre Fähigkeiten überprüfen – und an Fahrsimulatoren erfahren, wo ihre individuellen Leistungsgrenzen liegen. Darüber hinaus lassen sich auch in zahlreichen Fahrschulen spezielle Fahrstunden absolvieren, bei denen ältere Verkehrsteilnehmer eine objektive Beurteilung ihres Fahrkönnens erhalten. Bliebe nur zu wünschen, dass diese Angebote auch wahrgenommen werden, bevor am Ende doch noch der Gesetzgeber einschreitet.

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