Richtiger Fahrradsattel

Tipps für die Wahl des richtigen Fahrradsattels

Wer nicht schmerzfrei im Sattel sitzt, nutzt sein Rad nur selten. Wie es sich komfortabel radeln lässt, erklärt Prof. Dr. Ingo Froböse, Leiter des „Zentrums für Gesundheit durch Sport und Bewegung“ an der Deutschen Sporthochschule.

Herr Fro­böse, ohne Fahr­kom­fort macht Fahr­rad­fah­ren kei­nen Spaß. Wie blickt der Medi­zi­ner auf das Thema Sat­tel?

Prof. Dr. Ingo Fro­böse: Der Sat­tel muss im Kon­text gese­hen wer­den. Es gibt drei Kon­takt­punkte, die uns Pro­bleme machen kön­nen: Pedale/Füße, Lenkergriffe/ Hände und Sattel/Gesäß. In Umfra­gen haben wir her­aus­ge­fun­den, dass min­des­tens 80 Pro­zent der Rad­ler regel­mä­ßig über Sitz­pro­bleme kla­gen.

Wahl des richtigen FahrradsattelsGibt es schmerz­freies Sit­zen beim Rad­fah­ren über­haupt?

Sit­zen auf dem Fahr­rad bedeu­tet, dass eine sehr kleine Kon­takt­flä­che 30 bis 90 Pro­zent des Kör­per­ge­wich­tes trägt. Eine sol­che Belas­tung ist erst ein­mal nicht schlimm, weil Druck für den mensch­li­chen Orga­nis­mus nichts Nega­ti­ves ist, solange er eine bestimmte Inten­si­tät nicht über­schrei­tet.

Auch bei der Druck­be­las­tung wäh­rend des Radelns gilt also die alte Losung: „Die Dosis macht das Gift“?

Genau so ist es. Es geht um die Menge des Drucks und um den Belas­tungs­zeit­raum. Selbst bei einer um 30 bis 40 Pro­zent redu­zier­ten Durch­blu­tung infolge des Drucks ist das viel­leicht unan­ge­nehm, aber nicht gefähr­lich. Wenn man aus dem Sat­tel geht oder wie­der abge­stie­gen ist, dann nor­ma­li­siert sich das bereits nach drei bis fünf Minu­ten. Hier ist der All­tags­rad­ler klar im Vor­teil: Anders als Tou­ren­rad­ler oder Rad­sport­ler, die oft über Stun­den sit­zen, sitzt er meist nur kurze Zeit­räume über den Tag ver­teilt auf dem Rad.

Warum kla­gen den­noch so viele All­tags­rad­ler über Sitz­pro­bleme?

Ich glaube, dass die Men­schen mit völ­lig fal­schen Vor­stel­lun­gen an einen Sat­tel her­an­ge­hen. Gerade unter Gele­gen­heits­rad­lern und Nichtrad­lern gibt es das Anspruchs­den­ken, dass man das Sit­zen auf dem Sat­tel quasi gar nicht spü­ren darf. Jedes Drü­cken beim Sit­zen wird mit nega­ti­ven Asso­zia­tio­nen ver­bun­den. Das scheint sehr tief ver­wur­zelt zu sein und greift wahr­schein­lich auf archai­sche Mus­ter zurück, schließ­lich befin­det sich der Druck im direk­ten phy­si­schen Sek­tor der männ­li­chen Potenz und weib­li­chen Frucht­bar­keit. Das weckt einen gewis­sen Flucht­in­stinkt und ist damit Ein­fall­stor für angst- und schmer­z­ori­en­tier­tes, aber fak­ten­fer­nes Pro­dukt­de­sign und Mar­ke­ting.

Ein biss­chen Drü­cken gehört zum Rad­fah­ren also dazu?

Abso­lut. Ein Sat­tel ist nun mal kein Ses­sel, weil er grund­sätz­lich andere Funk­tio­nen hat: Er muss dem Fah­rer Bewe­gungs­frei­heit las­sen, gleich­zei­tig die Hal­tung auf dem Rad sta­bi­li­sie­ren und Sicher­heit und Kon­trolle übers Rad ver­mit­teln. Das drückt dann halt, wenn 60 Pro­zent des Kör­per­ge­wich­tes auf so einer klei­nen Flä­che las­ten. An sich ist der Kör­per aber für die­ses Sit­zen gut prä­pa­riert. Die bei­den Sitz­be­inhö­cker kön­nen diese Arbeit bes­tens ver­rich­ten. Aller­dings muss man dem Kör­per auch Zeit zuge­ste­hen, sich an diese Sitz­si­tua­tion zu gewöh­nen. Des­we­gen kla­gen Sel­ten­rad­ler auch häu­fi­ger als geübte Rad­fah­rer.

ACV Pro­fil: Wel­che Bedeu­tung hat die Sat­tel­po­si­tion für den Sitz­kom­fort?

Die Ein­stel­lung ist für Leis­tungs­ent­fal­tung und Kom­fort von ent­schei­den­der Bedeu­tung. Der beste Sat­tel nützt ohne rich­tige Mon­tage wenig. Zum einen muss der Sat­tel den rich­ti­gen Abstand zur Tret­kur­bel haben. Grund­sätz­lich sollte er eini­ger­ma­ßen in der Waa­ge­rech­ten aus­ge­rich­tet sein. Beim Abstand zum Len­ker ori­en­tiert man sich durch ein Lot, das bei waa­ge­rech­tem Kur­bel­stand von der Knie­scheibe des vor­de­ren Beins durch die Peda­lachse fällt. Bei die­ser Ein­stel­lungs­pro­ze­dur macht der Fahr­rad­fach­han­del einen sehr guten Job.

Wie ist der aktu­elle Stand der For­schung zur fast unüber­schau­ba­ren Aus­wahl an Sät­teln?

Nicht nur, dass die Aus­wahl an Sät­teln ver­wir­rend groß ist, viel schlim­mer ist ihre oft geringe funk­tio­nelle Qua­li­tät. Die Gestal­tung von Sät­teln hat häu­fig wenig damit zu tun, was der Men­sch braucht, son­dern was schick, schmerz­frei oder sport­lich aus­sieht. Gefäl­li­ges Design steht dann über der Funk­tio­na­li­tät der Bio­lo­gie.

Wie kann sich der Rad­fah­rer bei der Sat­tel­wahl vor sol­chem Design- und Marketing-Schnickschnack schüt­zen?

Gut ist, was sich gut anfühlt, des­halb sollte man Sät­tel vor allem aus­pro­bie­ren. Jeder Hin­tern ist anders. Nicht jeder Sat­tel, der als kom­for­ta­bel gilt, muss am eige­nen Gesäß pas­sen. Ein guter Sat­tel muss sich dem Kör­per anpas­sen kön­nen, er muss ihn unter­stüt­zen, um ihm gleich­zei­tig auch aus­rei­chen­den Bewe­gungs­frei­raum fürs Radeln zu geben. Des­we­gen gilt auch hier: „Form fol­lows func­tion“!

Braucht Frau den Damen­sat­tel und Mann den Her­ren­sat­tel?

Grund­sätz­lich erst ein­mal nicht. Solange der Abstand der Sitz­be­inhö­cker stimmt und die Form­ge­bung des Sat­tels zur Hal­tung auf dem Rad und damit zur Last auf dem Gesäß passt, gibt es für den All­tags­rad­ler kei­nen Grund für eine geschlechts­spe­zi­fi­sche Unter­schei­dung. Wir haben diese bei­den Para­me­ter – Höcker­breite und Last – für den ita­lie­ni­schen Sat­tel­her­stel­ler Selle Royal in einer Stu­die erst­mals in einer Matrix zusam­men­ge­führt. Diese umfasst drei Sitz­hal­tun­gen auf dem Rad und drei Sitz­be­inhö­cker­brei­ten. Aus die­sen neun ver­schie­de­nen Sät­teln lässt sich dann ein­fach der ideale Sat­tel ermit­teln.

Sind wei­che Sät­tel auto­ma­ti­sch bequem?

Mit­nich­ten, das exakte Gegen­teil ist der Fall: Man darf nicht zu weich sit­zen! Denn durch den Sitz­druck wird wei­ches Sat­tel­ma­te­rial aus der Druck­zone an deren Rän­der gedrängt und bil­det dort Wülste, die Schmer­zen pro­vo­zie­ren. Haut­re­ak­tio­nen, Wund­scheu­ern und Schwel­lun­gen sind häu­fig die Fol­gen. Aber auch diese sind bis zu einem gewis­sen Maße nor­mal, sofern sie bin­nen 18 bis 24 Stun­den wie­der ver­schwun­den sind. Das zeigt gut, dass sich die Ein­stel­lung, also die Sicht auf den Sat­tel, völ­lig ändern muss. Weich ist nicht bequem, und das Sit­zen auf här­te­ren Sät­teln bedarf nun ein­mal einer gewis­sen Gewöh­nung.

Wor­auf sollte der All­tags­rad­ler sonst noch ach­ten?

Vor allem auf den Form­schluss, also die schlichte Pass­form von Sat­tel und Gesäß. Der Rad­sport­ler ist beim Sit­zen schon recht nahe am Opti­mum. Er hat eine Rad­hose mit spe­zi­el­lem Pols­ter an, schützt sich durch Sitz­creme vor Rei­bung und greift zum har­ten Sat­tel. Der Gele­gen­heits­rad­ler steckt in dem Dilemma, dass seine Klei­dung auch abseits des Fah­rens funk­tio­nie­ren muss. Der beste Sat­tel schei­tert an der Hosen­naht: Eine Jeans-Hosennaht reibt nun mal. Da kann man wenig ändern. Dann hilft nur noch, regel­mä­ßig aus dem Sat­tel zu gehen und so für Ent­las­tung der betrof­fe­nen Stel­len zu sor­gen.