Interview mit Don Dahlmann: „Jede Stadt braucht ihren eigenen Mix“

Mobilitätsexperte Don Dahlmann diskutiert mit dem ACV Automobil-Club Verkehr über neue Konzepte zur Vernetzung der Verkehrsmittel in Deutschland.

ACV: Herr Dahlmann, wird man künftig bei all den Verkehrsproblemen in den großen Städten allgemein auf Autos verzichten müssen?

Don Dahlmann: Nein, es wird ein Nebeneinander aller Verkehrsträger geben. Der private Pkw-Besitz wird allerdings keine so große Rolle mehr spielen. Carsharing und noch stärker Ridesharing werden attraktive Alternativen, die obendrein deutlich billiger werden, weil es mehr Konkurrenz geben wird.

Kritiker monieren, dass Carsharing das Verkehrsaufkommen auf der Straße noch erhöht, weil viele Fahrgäste des ÖPNV darauf umsteigen.

Das kann punktuell so sein, in jeder Stadt sind die Rahmenbedingungen anders. Wenn dieser Effekt eintritt, müssen die Kommunen gegensteuern und den ÖPNV billiger machen oder das Carsharing, etwa über die Parkplatzgebühren, verteuern. Alle Verkehrsmittel haben ihre Vor- und Nachteile, und es ist Aufgabe der Städte, sie möglichst gut auszusteuern. Dabei braucht jede Stadt ihren eigenen Mix.

Wie gut beherrschen die Städte das bislang?

Das Gros hat immensen Nachholbedarf. Sehr weit sind dagegen Berlin und Hamburg. Sie verfügen über ein starkes ÖPNV-Netz, das meist die Grundlage für vernetzte Mobilität ist. Viele andere Städte haben viel zu lange am Konzept der „autogerechten Innenstadt“ festgehalten und den ÖPNV nicht ausgebaut.  

Alle Verkehrsmittel haben ihre Vor– und Nachteile, und es ist Aufgabe der Städte, sie möglichst gut auszusteuern.

Don Dahlmann

Hinter Carsharing-Anbietern wie Car2go oder Drivenow und Ridesharing-Diensten wie Moia stehen Autohersteller, die ihre eigenen Profitinteressen haben. Werden sie sich in kommunale Planungen einspannen lassen?

Dafür müssen die Städte über entsprechende Regulierung sorgen. Kooperationen sind für beide Seiten unverzichtbar. Und sie laufen ja bereits: In Hamburg läuft ein Test mit den On-Demand-Shuttles der DB-Tochter Ioki. Sie nehmen jeweils Personen mit, die in etwa dieselbe Route haben und diese über Smartphone eingegeben haben. Die Shuttles fahren dort, wo das Netz des Hamburger Verkehrsverbundes endet, sie ergänzen es also. Der ÖPNV kann auf diese Weise auch unrentable Strecken verkürzen.

Das Umsteigen auf andere Verkehrsmittel ist aber nur dann wirklich bequem, wenn man nicht immer wieder neue Tickets kaufen muss.

Genau. Die entsprechenden Plattformen dafür werden eher die privaten Unternehmen bauen können. VW und Daimler sind hier bereits aktiv. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie in Zukunft zum Beispiel Mobilitäts-Abos gegen eine Monatsgebühr anbieten. Zahle ich einen bestimmten Betrag, kann ich dafür in einem bestimmten Umfang wahlweise Carsharing, Bus, Bahn, Leihräder oder verschiedene andere Verkehrsmittel nutzen. Was ist – unterm Strich betrachtet – der entscheidende Hebel, um die Verkehrssituation zu verbessern? Wenn man zum Beispiel den ÖPNV fördern will, muss man ihn billiger machen. Die Stadt Bonn bietet mittlerweile nach Wiener Vorbild ein Jahresticket für 365 Euro an. Auch den Umstieg auf Elektroautos beschleunigt man, indem man ihn kräftig subventioniert, wie es Norwegen und die Niederlande tun. Und mehr Radfahrer bekommt man mit mehr Radwegen. Die Rezepte sind eigentlich bekannt, auch die Technologie für vernetzte Systeme ist da. Am Ende ist immer nur eins entscheidend: das Geld.

Zur Person

Don Dahlmann, 51, beschäftigt sich als Autor, Berater, Moderator und Redner seit vielen Jahren mit dem Thema Mobilität. Eine Auswahl seiner Beiträge findet sich auf seiner Website.

Aktuelle Fakten zum Thema Verkehr bietet die im Juni 2018 veröffentlichte Studie „Mobilität in Deutschland 2017“. Sie wurde vom Infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur erstellt. Ein Kurzreport steht im Internet zum Download zur Verfügung:

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